Die unbestrittenen Sieger der Anti-Aging-Medizin sind nicht die Hormone, sondern ausreichend Schlaf, Bewegung und gesunde Nahrung. Trotzdem werden die Hormone weiterhin als Schlüssel zum Jungbrunnen dargestellt. Tatsächlich hat die ganze Anti-Aging-Medizin mit ihnen begonnen, damals, als die Frauenärzte die Hormonersatztherapie in der Postmenopause einführten. Hormonspiegel wie die Jungen: Das war und ist bis heute weit verbreitet das Credo.
Hormone wirken in der Tat weitreichend auf unseren Körper. Sie sind auch wichtige Bindeglieder zwischen unseren Organfunktionen und unserem Gehirn. Dieser Eintrag stellt die wichtigsten Sexualhormone einzeln vor, Östrogen, Progesteron und Testosteron, und erklärt, woran ein Mangel zu erkennen ist, wie wir die Hormone messen und wie eine Behandlung aufgebaut ist.
Östrogen
Der mögliche Einfluss von Östrogen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Frau ist enorm. Mit seiner vielfältigen und scheinbar paradoxen Wirkungsweise kann dieses wichtige Hormon ganz unterschiedlich auf viele Leiden wirken, etwa auf Brustkrebs, Osteoporose, Herzerkrankungen und Autoimmunkrankheiten.
Wirkungen von Östrogen
- Fördert den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut
- Stimuliert die Brust
- Erhöht den Fettgehalt des Körpers
- Schränkt die Funktion der knochenabbauenden Zellen leicht ein
Nebenwirkungen von Östrogen
- Erhöht die Blutgerinnung: Risiko von Infarkt und Embolie
- Verringert die sexuellen Lustgefühle
- Verschlechtert die Blutzuckerwerte
- Verlust von Zink und Speichern von Kupfer
- Vermindert den Sauerstoffspiegel in den Zellen
- Erhöhtes Risiko von Brustkrebs
- Erhöhtes Risiko von Gebärmutterkrebs
- Hemmt die Ausscheidung von Kochsalz und Wasser: Stauung
- Fördert Depression und Kopfschmerzen
- Verringert die Wirkung der Schilddrüsenhormone: Unterfunktion der Schilddrüse, Stoffwechselträgheit
- Vermindert die Spannkraft der Blutgefässe: Venen- und Gefässprobleme
Der Östrogenstoffwechsel: zwei Wege
Neuere Forschungsarbeiten zeigen, wie Östrogen im Körper abgebaut wird. Diese Erkenntnisse helfen, die Doppelnatur des Östrogens zu verstehen und wirksamer zu behandeln. Östrogen wird auf zwei Wegen verstoffwechselt.
Auf dem einen Weg entsteht ein hochaktiver Metabolit, das 16-alpha-Hydroxyöstron (16alpha-OHE1), das die Zielgewebe stimuliert. Seine Konzentration kann als Folge von Fettleibigkeit, Alkoholkonsum und toxischer Belastung ansteigen. Hohe Konzentrationen werden mit einem erhöhten Risiko und einer schlechteren Prognose bei Leiden wie Brustkrebs und Lupus in Verbindung gebracht, also bei Erkrankungen, die mit einem Übermass an Östrogen zusammenhängen.
Auf dem anderen Weg baut der Körper Östrogen zu einem sehr viel weniger aktiven Metaboliten ab, dem 2-Hydroxyöstron (2-OHE1). Es bindet nur schwach an Zellrezeptoren und kann die Zellvermehrung hemmen. Stark erhöhte Konzentrationen können jedoch das Risiko für Leiden vergrössern, die mit Östrogenmangel zusammenhängen, wie Herzerkrankung, Depression und Osteoporose.
Ein angemessenes Gleichgewicht zwischen den beiden Metaboliten ist somit entscheidend für einen gesundheitsfördernden Östrogenstoffwechsel. Ihre Messung erlaubt eine individuell ausgerichtete Therapie, welche die besonderen Gesundheitsrisiken einer Patientin einbezieht.
Der E2/E16-Quotient

Der Abbau zu 2-OH-Östrogen gilt als der sichere Weg, während das 16-OH-Östrogen krebserregende Eigenschaften besitzt. Das Verhältnis von 2-OH zu 16-OH sollte also möglichst hoch sein. Niedrige Quotienten erhöhen die Gefahr für Brust- und Gebärmutterhalskrebs sowie für Prostatakarzinome beim Mann.
Günstig beeinflussen lässt sich der Quotient durch:
- Antioxidantien
- Glutathion
- Grapefruitsaft
- Hanf-Isoflavone
- Indol-3-Carbinol
- Broccoli
- Kohl
- Weisskohl
- Leinsamen
- S-Adenosylmethionin
- Soja
Auch Sojaprodukte (Flavonoide), Leinsamen (Lignane), Gemüse aus der Familie der Kreuzblütler (Indol-3-Carbinol), körperliche Bewegung und Omega-3-Fettsäuren können das Risiko für östrogenabhängige Erkrankungen vermindern, weil sie das Verhältnis von 2- zu 16-alpha-Hydroxyöstron günstig beeinflussen.
Die Analyse des Östrogenstoffwechsels
Diese Untersuchung im Serum gibt Aufschluss über den Östrogenstoffwechsel im weiblichen Körper. Sie liefert klinisch wichtige Informationen zu vielen östrogenabhängigen Leiden und ist ein wertvolles Instrument, um Hormontherapien zu überwachen, darunter auch die Hormonersatztherapie: Sie gibt Einblick in deren Sicherheit und Wirksamkeit.
Die Analyse ist sowohl vor als auch nach der Menopause angezeigt. Bestimmt werden die im Blut zirkulierenden Hydroxyöstron-Metaboliten, die direkt auf die Zielgewebe einwirken können. Deshalb ist sie ein aufschlussreicher und günstiger Test, um die unmittelbaren Auswirkungen einer Hormontherapie auf den weiblichen Organismus zu überwachen.
Progesteron
Progesteron schützt gegen die unerwünschten Nebenwirkungen des Östrogens, gleichgültig, ob diese vor der Menopause durch das körpereigene Östrogen oder als Folge eines Östrogenersatzes auftreten. Unter der Herstellung eines hormonellen Gleichgewichts versteht man die Wiederherstellung eines gesunden Progesteronspiegels.
Wirkungen von Progesteron
- Erhält in der Schwangerschaft die Gebärmutterschleimhaut und den Embryo
- Schützt vor Zysten in der Brust
- Hilft, Fett in Energie umzuwandeln
- Fördert auf natürliche Weise die Wasserausscheidung
- Natürliches Mittel gegen Depression
- Fördert die Verwertung von Schilddrüsenhormonen: Schilddrüsenunterfunktion und Stoffwechselträgheit bessern sich
- Normalisiert die Blutgerinnung
- Normalisiert den Zink- und Kupferhaushalt
- Stellt einen normalen Sauerstoffspiegel her
- Schützt vor Gebärmutterkrebs
- Schützt vor Brustkrebs
- Regt die knochenaufbauenden Zellen an: wirkungsvoller Schutz vor Osteoporose
- Bildet körpereigenes Kortison: lindert Rheumaschmerzen und Allergien
Nebenwirkungen von Progesteron
Müdigkeit, sonst keine.
Testosteron
Mit zunehmendem Alter sinkt die Aktivität der Hoden, und die Konzentration des freien, bioverfügbaren Testosterons fällt stark ab. Mit dem 50. Lebensjahr ist die Ausschüttung von Testosteron auf die Hälfte gesunken. Der Hauptgrund ist der chronische Abbau der Leydig-Zellen in den Hoden; aber auch die veränderte Aktivität des Systems aus Hypothalamus, Hypophyse und Keimdrüsen und die Zunahme der Sexualhormon-bindenden Globuline (SHBG) tragen dazu bei.
Testosteron übt einen starken Einfluss aus auf Emotionen, Kognition, Sexualfunktion, Muskelmasse und Kraft, Energiehaushalt, die Gesundheit von Herz und Gefässen und die Festigkeit der Knochen. Ein Testosteronmangel kann deshalb sehr unterschiedliche Folgen für die Gesundheit haben. Weil das Hormon zugleich auf das Immunsystem, den Stoffwechsel und auf Entzündungsvorgänge wirkt, finden sich Störungen im Testosteronhaushalt bei einer Vielzahl von Erkrankungen: von rheumatoider Arthritis, Herzleiden, Insulinresistenz und AIDS bis zu Adipositas, Osteoporose und Prostatakarzinom.
Bei einigen dieser Erkrankungen wird der Testosteronhaushalt selten berücksichtigt, und die Andropause verläuft in der Regel symptomarm. Ein chronischer Androgenmangel wird deshalb meist übersehen. Eine genaue Beurteilung des Testosteronspiegels ist jedoch wichtig, um abzuschätzen, wie weit dieses Hormon an chronischen Krankheiten und degenerativen Alterungsprozessen beteiligt ist.
Das Hormonprofil des Mannes
Die Testosteronausschüttung wird mit Speichelproben untersucht, die am Morgen, am Mittag, am Nachmittag und um Mitternacht gesammelt werden. Gegenüber der Bestimmung im Serum, die das gebundene wie das ungebundene Hormon erfasst, hat die Speichelanalyse den Vorteil, dass nur der freie, bioverfügbare Anteil bestimmt wird.
Woran ein Hormonmangel zu erkennen ist
Östrogenmangel
- Hängende Brüste
- Trockene Schleimhäute (bes. vaginal, Augen, Mund)
- Kleine Fältchen
- Hitzewallungen
- Geringe oder keine Menstruation
- Frühzeitige Menstruation
- Schmerzhafte Bauch Krämpfe bei der Menstruation
- Kopfschmerzen während der Menstruation
- Gelenkschmerzen
- Ständige Müdigkeit
- Depression
- Libidoverlust
- Vorzeitiges Altern
- Osteoporose
- Kardiovaskuläre Erkrankungen
Progesteronmangel
- Schmerzhaft geschwollene Brüste
- Geschwollener Bauch, Beine, Arme, Finger
- Übermässig starke Menstruation
- Ständige Bauchschmerzen bei der Menstruation
- Kopfschmerzen vor der Menstruation
- Prämenstruelles Syndrom
- Übermässige Nervosität
- Ängstlichkeit, Reizbarkeit
- Leichter Schlaf
- Zysten in Brust, Ovarien und Uterusfibrome
- Brust- und Gebärmutterkrebs
Testosteronmangel
- Muskelrückgang
- Muskelschwäche
- Falten
- Verlust emotionaler Stärke
- Neigung zu Überdramatisierung
- Verlust von Initiative und Selbstvertrauen, Zögerlich
- Libidoverlust
- Vorzeitiges Altern
- Osteoporose
Abklärung: das Östrogen-Progesteron-Profil im Speichel

Normale Laboranalysen erfassen lediglich eine einzige Blutprobe. Eine solche Momentaufnahme deckt im besten Fall einen ausgeprägten Mangel oder Überschuss auf. Dieses Hormonprofil dagegen untersucht Speichelproben auf Östradiol und Progesteron über 28 Tage; zudem wird das Testosteron bestimmt. Die Konzentrationen von Östradiol und Progesteron und ihr Verhältnis werden grafisch aufgezeichnet, sodass der ganze Monat auf einen Blick zu beurteilen ist. Abweichungen geben Hinweise auf Zyklusunregelmässigkeiten, Sterilität, PMS und andere chronische gynäkologische Störungen.
Hormonbestimmungen im Speichel haben weitere klare Vorteile. Die Bestimmung im Serum erfasst das gebundene wie das ungebundene Hormon; die Speichelkonzentration spiegelt nur den freien, bioverfügbaren Anteil. Verschiedene Faktoren wie Adipositas und die Schilddrüsenfunktion beeinflussen die Sexualhormon-bindenden Globuline. Mit Speichelanalysen lassen sich funktionelle Störungen deshalb besser erkennen.
Menopause
Die Postmenopause ist durch einen markanten Abfall der Östrogenproduktion und durch ausgeprägte physiologische und anatomische Veränderungen gekennzeichnet. Viele Frauen bemerken den Übergang in diesen Lebensabschnitt kaum. Bei anderen verursachen die sinkenden Hormonspiegel Symptome wie Hitzewallungen, Vaginitis, Dyspareunie, Gedächtnisstörungen, Veränderungen im Fettstoffwechsel und eine vorzeitige Alterung der Haut.
Wenn die Menopause erreicht ist, ist die Östrogenproduktion um 70 bis 80 Prozent und die Androgenproduktion um 50 Prozent gesunken. Diese Veränderungen können das Risiko erhöhen, an Osteoporose oder an Herz-Kreislauf-Beschwerden zu erkranken. Zudem sind Immunregulation, Stimmung, Zuckerregulation, Libido und Kognition beeinträchtigt. Weil die Nebennieren in der Menopause eine bedeutende Rolle als Lieferanten der Hormonvorstufen spielen, kann sich eine Störung der Nebennieren markant auf den Mangel an Sexualhormonen auswirken.
Die Bestimmung der Basalwerte von Östradiol, Progesteron und Testosteron ist ausschlaggebend für den Entscheid, ob eine Hormonersatztherapie nötig ist. Normale Hormonwerte bedürfen keiner Behandlung. Zeigt die Analyse Abweichungen bei einzelnen Hormonen, kann der Arzt Art und Dosierung einer Hormonbehandlung genau und individuell festlegen. Hohe Konzentrationen von Östrogen und Testosteron bedeuten ein erhöhtes Risiko für Brust- und Gebärmutterkrebs. Die Bestimmung der Sexualhormone hilft somit, die Ursachen verschiedenartiger Symptome zu finden, Risiken für ernsthaftere Erkrankungen zu erkennen und den möglichen Nutzen eines Hormonersatzes abzuschätzen.
Hormonbehandlung bei der Frau
| BEHANDLUNG | PERIMENOPAUSE | POSTMENOPAUSE |
|---|---|---|
| Estradiol (E2) verleiht Energie führt zu Wasseransammlungen | 5.- 25. Zyklustag | Anwendung vom 1.- 25. Tag des Monats |
| Progesteron beruhigt und beseitigt Wasseransammlung Vor dem Schlafen einnehmen | 18.- 26. Zyklustag | Anwendung vom 13.- 25. Zyklustag |
| Androgene / Testosteron stärkt Geist und Muskeln | Durchgehend | Durchgehend |
Dauern die Symptome trotz Hormonersatz an, muss die Dosis gesteigert werden.
Quelle: Dr. T. Hertoghe, Brüssel