«Akku leer»: Sind Neurohormone der Grund dafür? Sind Sie erschöpft, müde, depressiv, oder leiden Sie an Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, Übergewicht, PMS, Schmerzen, Migräne, Fibromyalgie oder Infektanfälligkeit? Hinter diesen und weiteren Symptomen kann sich chronischer Stress verbergen.
Dieser Eintrag erklärt, was Dauerstress im Körper auslöst, wie die Botenstoffe des Nervensystems aus dem Gleichgewicht geraten, wie sich das messen lässt und wie die Behandlung aufgebaut ist.
Was Stress im Körper auslöst
Stress löst im Gehirn biochemische Prozesse aus, die körperliche Stressmechanismen in Gang setzen. In der so entstandenen Dauer-Alarmbereitschaft des Körpers werden vermehrt Botenstoffe ausgeschüttet, sogenannte Neurohormone wie Noradrenalin, Adrenalin und Cortisol. Das Ungleichgewicht dieser Neurohormone kann die erwähnten Symptome verursachen.
Die moderne Lebensweise entspricht dem Naturell des Menschen so gar nicht und setzt ihn einer ständigen Herausforderung aus. Bewegungsmangel, falsche Ernährung mit hochkalorischen, raffinierten Lebensmitteln, Reizüberflutung durch Medien und Werbung, Konsumzwang und zunehmende Belastungen in Schule und Beruf, mit der Neigung zum persönlichen Rückzug und einem Mangel an sozialen Kontakten, führen zu dauerhafter Stressbelastung. Die Folgen sind Schlaf- und Essstörungen, Konzentrationsmangel, Verlust von Motivation und Antrieb, Leistungsabfall, Unruhe, Ängste, Störungen des Immunsystems und Depressionen. Sie sind vor allem die Grundlage, auf der sich Stress-Syndrome entwickeln.
Ein fein abgestimmtes Netzwerk
Zentrales und peripheres Nervensystem, Hormonsystem, Immunsystem und Psyche bilden ein eng verwobenes, fein abgestimmtes Netzwerk, dessen Glieder ständig miteinander im Austausch stehen und sich gegenseitig beeinflussen. Die Signale laufen über Nervenbahnen, die Blutbahn und den Raum zwischen den Zellen. Überträger der Informationen sind Hormone, Neurotransmitter, Neuropeptide, Mediatoren und die Zytokine des Immunsystems. Man spricht auch von Psycho-Neuro-Endokrino-Immunologie.
Körperliche und seelische Belastungen führen in diesem Netzwerk zu Anpassungsreaktionen des Nerven-, Hormon- und Immunsystems. Mit genügend Entspannung und Erholung bilden sie sich zurück. Dauerbelastung aber führt zu anhaltenden und zum Teil schwerwiegenden Störungen, die sich unbehandelt nicht zurückbilden.
Wenn die Botenstoffe aus dem Gleichgewicht geraten
Die neuere medizinische Forschung kennt eine grosse Zahl gesundheitlicher Störungen, die auf erworbene Fehlregulationen der Neurotransmittersysteme zurückgehen. Mangel oder Überschuss einzelner oder mehrerer Neurotransmitter führen zu einem andauernden Ungleichgewicht zwischen anregender (exzitatorischer) und dämpfender (inhibitorischer) Aktivität. Solche Gesundheitsstörungen nehmen stetig zu.
Chronische Multisystem-Erkrankungen
Störungen im Zusammenspiel des Immunsystems mit dem Nerven- und dem Hormonsystem werden zunehmend für die immer häufigeren «Zivilisationskrankheiten» verantwortlich gemacht. Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS), Burnout-Syndrom, Posttraumatisches Stress-Syndrom (PTSD), chronische Schmerzerkrankungen wie das Fibromyalgie-Syndrom und die Multiple Chemikalien-Sensitivität (MCS) werden unter dem Gesichtspunkt der neurogenen Entzündung als Chronische Multisystem-Erkrankungen zusammengefasst (Chronic Multiple Illness, CMI). Betroffen sind vor allem Frauen zwischen dem 40. und dem 50. Lebensjahr.
Die Beschwerdebilder können sich ganz unterschiedlich äussern. Dazu zählen:
- Kopfschmerzen
- Erschöpfung
- Antriebslosigkeit
- Muskel- und Gelenkschmerzen
- kognitive Einschränkungen
- Gedächtnislücken
- Konzentrationsstörungen
- Depressionen
Dauerstress verstärkt zudem das Ungleichgewicht der individuellen Toleranzmechanismen, insbesondere bei bestehenden Allergien oder Autoimmunerkrankungen, bei Arteriosklerose oder Morbus Alzheimer. Auslöser und Erscheinungsformen können von Mensch zu Mensch verschieden sein.
Abklärung
Die gute Nachricht: Mit einem einfachen Urin- und Speicheltest lässt sich die Menge dieser Botenstoffe messen, und das ganz bequem zu Hause. Gemessen werden:
- im Urin: Serotonin, GABA, Glutamat, Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin
- im Speichel: das Cortisol-Tagesprofil (morgens, um 12 Uhr und um 20 Uhr) und DHEA (morgens und um 20 Uhr)
Stressbedingte Störungen werden meist noch immer rein symptomatisch behandelt. Dabei verändern chronische Belastungen und ein Mangel an Mikronährstoffen die Regulation von Nerven-, Hormon- und Immunsystem vorübergehend oder anhaltend und tiefgreifend, und damit das Gleichgewicht der Neurotransmitter, der Neuromodulatoren und der Hormone. Mit der Bestimmung von Cortisol und DHEA im Speichel sowie von Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, Glutamat, GABA, Glycin, Taurin, Histamin und PEA im Urin lässt sich eine solche Belastung objektiv fassen.
Cortisol und DHEA im Speichel
Die Bestimmung im Speichel hat gegenüber dem Blut zahlreiche Vorteile. Etwa 95 bis 99 Prozent der Steroidhormone im Blut sind an Eiweisse gebunden, und in gebundener Form sind Hormone biologisch inaktiv. Um die Hormonaktivität zu ermitteln, muss deshalb die Konzentration der freien Hormone bestimmt werden. Wird gleichzeitig DHEA gemessen, lässt sich der Cortisol-DHEA-Quotient als aussagekräftiger Stressindikator beurteilen: Unter Stress fällt der DHEA-Spiegel ab, während der Cortisolspiegel ansteigt.
Neurotransmitter im zweiten Morgenurin
Für die Bestimmung der Neurotransmitter hat sich der zweite Morgenurin besonders bewährt. Das Nervensystem schüttet seine Botenstoffe nicht im Tagesrhythmus aus wie das Cortisol, sondern kurzfristig, angepasst an die Belastungen des Tages. Der zweite Morgenurin erlaubt genauere Aussagen über den aktuellen Bedarf als der erste, der die in der nächtlichen Ruhe gebildeten Neurotransmitter enthält. Vergleichsmessungen in Serum, Liquor, Speichel und Urin haben gezeigt, dass die Ausscheidung im Urin sehr gut mit den Konzentrationen der Neurotransmitter im Gehirn übereinstimmt. Die Bestimmung im Urin gibt somit ein repräsentatives Bild der Verhältnisse im zentralen Nervensystem.
Besonders wichtig ist das Verhältnis der anregenden Botenstoffe (Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Glutamat) zu den dämpfenden (Serotonin, GABA, Glycin und Taurin) sowie der Anteil der Neuromodulatoren wie Histamin und PEA. Weil verschiedene Krankheiten mit weitgehend typischen Konstellationen der Botenstoffe einhergehen, wurden analytische Profile entwickelt, mit denen sich Diagnostik und Verlaufskontrolle besser objektivieren lassen. Während der Behandlung erlauben Kontrollen des ganzen Spektrums oder einzelner auffälliger Werte, die Massnahmen genau anzupassen.
Therapie
Mit dem Ergebnis lässt sich das Gleichgewicht mit speziellen Rezepturen von Nahrungsergänzungsmitteln (Vitamine, Spurenelemente, pflanzliche Wirkstoffe) wiederherstellen. Weil es sich um eine sanfte, individuelle Stoffwechselregulation handelt, nimmt die Therapie meist 6 bis 18 Monate in Anspruch.
Als Alternative und Ergänzung zur Behandlung mit konventionellen Antidepressiva hat sich eine Therapieform etabliert, die das Gleichgewicht der Neurotransmitter mit der gezielten Gabe von Aminosäuren und Mikronährstoffen wiederherstellt und dauerhaft erhält. Die Aminosäuren sind die Vorstufen der Neurotransmitter und Neuromodulatoren; die Mikronährstoffe sind für die Bildung und die Aktivität der Botenstoffe unentbehrlich. Die Therapie ist langfristig angelegt und verlangt eine laufende Überwachung des Verlaufs und vom Patienten die entsprechende Mitarbeit. So lässt sich nicht nur das Gleichgewicht der anregenden und der dämpfenden Neurotransmitter normalisieren, sondern auch die Stressachse.
Der Darm gehört dazu
Die Bausteine der Botenstoffe und die Nahrungsergänzungsmittel müssen über den Darm aufgenommen werden. Deshalb sind eine gleichzeitige Darmdiagnostik, einschliesslich der Nahrungsmittelunverträglichkeiten, mit anschliessender Darmsanierung und eine individuell angepasste Ernährungsumstellung für eine erfolgreiche Therapie unverzichtbar.
Wie rasch die Neurotransmitter ansteigen
- Serotonin: nach einigen Tagen
- Dopamin: nach 1-2 Wochen
- Noradrenalin: nach 2-6 Wochen
- Adrenalin: nach 3-6 Monaten
Schon in der ersten Phase sollten die Konzentrationen von Serotonin und Dopamin im zweiten Morgenurin ansteigen. Das spiegelt aber noch nicht die Verfügbarkeit in den Nervenzellen des Gehirns; sie stellt sich erst nach einigen Wochen ein.
Behandlung in drei Phasen
Phase 1, Anfangsbehandlung über 1 bis 2 Wochen: Zunächst wird die dämpfende Aktivität stabilisiert. Eingesetzt werden die Aminosäure-Vorstufen der dämpfenden Botenstoffe (GABA, Serotonin, Glycin, Taurin) und die Mikronährstoffe, die für deren Bildung und Aktivität unentbehrlich sind. Damit werden bessere Ergebnisse erzielt, als wenn gleichzeitig das anregende System angeregt wird. Kontrolle nach 2 Wochen. Mögliche Bestandteile: Phenylalanin, Tryptophan, 5-HTP, Taurin, Glycin, Glutamin, Vitamin B6, B12, C, Folsäure, Niacin, Magnesium, Zink, Selen, L-Theanin (Grüntee).
Phase 2, Herstellung des Gleichgewichts ab der dritten Woche: Ziel ist die Balance zwischen anregenden und dämpfenden Neurotransmittern. Die dämpfenden Botenstoffe werden weiter gegeben; dazu kommt Tyrosin als Vorstufe der anregenden Katecholamine und von PEA. Diese Phase dauert je nach Ansprechen 3 bis 6 Monate. Weil die Spiegel von Mensch zu Mensch schwanken können, werden sie regelmässig kontrolliert (alle 4 bis 6 Wochen oder bei Bedarf); so lassen sich Über- und Unterdosierungen vermeiden und die Dosierung nachstellen. Mögliche Bestandteile: Tyrosin, Phenylalanin, Tryptophan, 5-HTP, Taurin, Vitamin B6, B12, C, Folsäure, Alpha-Liponsäure, Pantothensäure, Riboflavin, Niacin, Magnesium, Calcium, Zink, Selen.
Phase 3, Erhaltungstherapie: Die Behandlung wird fortgesetzt, die Dosis der Aminosäuren schrittweise vermindert. Wie lange der Ersatz dauert, hängt unter anderem von den Ursachen der Störung, von der Konstitution, der Reaktionsweise und den Lebensumständen des Patienten ab; er kann sich über sehr lange Zeit erstrecken. Kontrollen alle 3 bis 6 Monate überwachen das erreichte Gleichgewicht der Neurotransmitter und ihrer Vorstufen (Glutamat, Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, PEA, GABA, Serotonin, Glutamin und Histamin). Mögliche Bestandteile: Tyrosin, Phenylalanin, Tryptophan, 5-HTP, Taurin, Vitamin B6, B12, C, Folsäure, Alpha-Liponsäure, Pantothensäure, Riboflavin, Niacin, Calcium, Zink, Selen.