Stress und seelisches Befinden wirken auf den ganzen Körper. Dazu gehören der Lüschertest sowie Gedanken zur Selbsterkenntnis und zu Tränen und deren Bedeutung.
Die folgenden Abschnitte vertiefen die einzelnen Themen.
Lüschertest
Die psychisch-somatische Bedeutung der Farben
| TESTFARBE | PHYSIOLOGISCH | PSYCHISCH |
|---|---|---|
| gelbliches Rot | Stimulation, Erregung | Aktivität |
| dunkles Blau | Sedation, Ruhe | Zufriedenheit |
| blaues Grün | Kontraktion, Spannung | Festigkeit |
| helles Gelb | Dilatation, Lösung | Veränderung |
Wie die Musik einen hochdifferenzierten Ausdruck der Gefühle verkörpert, ist die Sprache der Farben eine unermesslich reiche und genaue Darstellung der Emotionen. Die dabei ausgelösten Sinnesempfindungen sind messbar, objektivierbar und besonders wichtig: reproduzierbar. So steigt beim Betrachten der Farbe Lüscher-Rot der Puls, die Atemfrequenz und der Blutdruck. Umgekehrt sinken diese neurovegetativen Funktionen durch beruhigende Farben, wie vor allem das dunkle Lüscher-Blau.
Farben sind eine internationale "Sprache", die an keine Kultur gebunden ist. Sie spricht in definierbarer Weise genau bestimmbare Gefühle an. Das macht sich die Werbung zunutze. So konnte die Zigarette Marlboro in der Schweiz schon im ersten Jahr durch eine neue Gestaltung der Packung eine Umsatzsteigerung von 2000% erreichen, ohne die Tabakqualität zu verändern. Als Gegenbeispiel wäre eine meistverkaufte schweizerische Nussschokolade zu nennen. Zuvor im richtigen Braun und Grün verpackt, hatte man vor Jahren mit den genussfremden Farben weiss und schwarz modernisieren wollen. Die Schokolade ist innerhalb von zwei Jahren vom Markt verschwunden. Solche Beispiele beweisen, wie Farben den Käufer beeinflussen und dass er die Sprache der Farben unmittelbar versteht. Die Heiss- und Kaltwasserhähne unterscheiden sich durch Rot und Blau. Jeder erwartet beim roten Knopf heisses und beim blauen Knopf kaltes Wasser. Das rote Stopplicht signalisiert Gefahr und ist nicht nur Konvention: Rot ist erregend und stimulierend wie die Gefahr.
Neben dieser objektiven Bedeutung der Farben wurde wissenschaftlich nachgewiesen, dass Zellkulturen unter der Bestrahlung mit rotem Licht fast zweimal so schnell wachsen.
Der klinische Lüscher Farbtest
Der Farbtest ist ein objektives Messinstrument zur Beurteilung des subjektiven psychisch-somatischen Zustandes. Die persönliche Bevorzugung oder Ablehnung einer Farbe zeigt die Einstellung und das subjektive persönliche Befinden, ähnlich der Wetterlage auf einem Barometer. Ausschlaggebend ist.
- 1) die objektive Bedeutung der wahrgenommenen Farbe.
- 2) die subjektive Einstellung zu der Farbe.
Im Gegensatz zur bewusst gesteuerten Sprache erfolgt die Entscheidung für oder gegen eine Farbe unbewusst. Die Testfarben messen den Menschen, wie er wirklich ist und nicht - wie bei einer Befragung - wie er sich selber sieht, oder wie er gerne gesehen werden möchte.
Untersuchungen an amerikanischen und europäischen Universitäten haben statistisch signifikant nachgewiesen, dass mit dem "Lüscher-Farbtest" erstmals eine exakte übereinstimmende psychologische Beurteilung möglich ist.
Farben werden bevorzugt oder abgelehnt, abhängig davon, ob wir das, was sie signalisieren, wollen oder nicht wollen. Darum lässt die persönlichen Bewertung der Testfarben auf das emotionale Verhalten und den psychisch-somatischen Zustand schliessen. Beispiel: Dunkles Blau verkörpert: "Ruhe". Wird es bevorzugt, besteht Bedürfnis nach Ruhe. Wird es hingegen abgelehnt, bedeutet es: "Unruhe". Ein bevorzugtes erregendes Orangerot zeigt Verlangen nach Aktivität und Herausforderung. Bei Ablehnung bedeutet es: "Durch Überforderung erschöpft".
Für die Beurteilung am wichtigsten sind die kompensatorischen Favoriten und Ablehnungen. Sie zeigen, sowohl in welcher Weise psychisch-somatische Regulationen gestört sind, als auch Ursachen von Konflikten, die psychosomatische Symptome zu Folge haben können.
Der Testvorgang
Aus entsprechenden Tafeln wählen Sie bei Tageslicht Ihre Farben aus. Die Testaufnahme benötigt etwa 5 Minuten.
Aus tausenden Analysen werden die einzelnen Persönlichkeitsbereiche individuell und ausführlich auf etwa 6-8 Computerseiten beschrieben. Tabellarisch werden aktueller Zustand gegenüber den psychisch-somatischen Konstitution unter Berücksichtigung des Konfliktpotentials wiedergegeben. Die Texte erläutern u.a. die Ich-Steuerung, Kompensationen, Überreizungen, Blockierungen, Erwartungshaltung, Partnerbeziehung und das Leistungsverhalten. Zudem werden Therapievorschläge und homöopathische Konstitutionsmittel vorgeschlagen.
Prof. Max Lüscher
In jungen Jahren las er die gesammelten Vorlesungen und Traumdeutungen von Sigmund Freud. Dann studierte er von Aristoteles bis in die Gegenwart alle Schriften, die in der Universitätsbibliothek über Physiognomik zu lesen waren. Mit 16 Jahren fand er (1939) eine Methode, wie der psychische Zustand über die Kontraktion der einzelnen Gesichtsmuskeln definiert werden kann. Dabei entwickelte er eine eigene charakterologische Systematik. Sie bildet die erste Dimension "direktiv-rezeptiv" und die zweite Dimension "konstant-variabel" seiner heutigen Regulations-Psychologie. In der Zeit von 1938 bis 1941 studierte Max Lüscher auch die Graphologie von Ludwig Klages und verwendete dessen Charakterologie, um seine eigene zu ergänzen.
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Selbsterkenntnis
Die Schöpfung und ich
Dr. Anton Rajmon (1930-2011)
Ovid, Dichter des alten Roms, schilderte in einer Saga 4 Zeitalter wie folgt: Im ersten, dem „goldenen Zeitalter", leben die Menschen in göttlicher Ordnung und Harmonie. Krankheiten und Verbrechen sind unbekannt, entsprechend brauchen sie weder Arzt noch Richter. Sie erreichen in voller Gesundheit ein sehr hohes Alter und entschlafen ohne Schmerzen. Es ist die Periode des spirituellen Aufschwungs und Fortschrittes. Im folgenden „silbernen Zeitalter" beginnt der von Krankheiten begleitete Glaubens- und Ordnungs-Zerfall als Folge der Langeweile jedes Wohlstandslebens. Im dritten, „kupfernen Zeitalter", setzt sich dieser fort, um im letzten „eisernen Zeitalter" Glaube und Moral auf ihren Tiefpunkt sinken zu lassen. Die materielle Genuss-Sucht, Kriminalität und Krankheiten schiessen auf ihren Höhepunkt.

In seinem Buch „Die Krise unseres Zeitalters", das in den dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts als Bestseller erschien, stellt Sorokin, amerikanischer Soziologe russischer Abstammung, fest, dass sich, analog der Ovid-Geschichte, die Spiritualität unserer Zivilisation in ihrer letzten Abstiegsphase befindet: ein Grossteil der Bevölkerung lebt nur auf der Oberfläche der Dinge, in der Sinnestäuschung, dass der physische Körper der Erzeuger, der Träger und das Ziel seiner Weltexistenz ist. Deswegen verwechselt der Mensch sein Streben nach Macht, Geld und Ruhm mit dem Lebenssinn, und seine Sinnesreize bestimmen seine Handlungen. Jedoch die schnell vergänglichen Vergnügungen können ihn auf die Dauer nicht befriedigen und seinem Leben keinen tieferen Sinn geben. So gerät er in eine innere Krise, die ihn eigentlich zur Einsicht bringen soll: das Ziel der menschlichen Evolution kann nicht ein vergängliches Leben in einem physischen Körper sein, sondern ein ewiges Leben in einem gottähnlichen Lichtkörper. Schmerz und Krankheit funktionieren als Frühwarnsystem, mit dem sich sein innerer Arzt bemüht, seine Entgleisungen wieder in die göttliche Ordnung zurückzubringen. Die menschliche Verstimmung und Zerrissenheit zwischen dem „Ist- und Soll-" Zustand seiner heutigen Entwicklungsstufe sind die Geburtswehen eines inneren Umbruchs.
Zu dieser existentiellen Diskrepanz, die Sorokin schon grösstenteils erkannte, gesellen sich heute, einige Jahrzehnte später, zunehmend noch weitere destruktive Untergangsfaktoren, die den Umbruchsdruck verstärken: Stress, Umweltverschmutzung, Elektrosmog, manipulierte und unnatürliche Ernährung, Suchtmittel, Arbeitslosigkeit, Vereinsamung und die immer schwierigere Suche nach einer wahrlich sinnvollen und befriedigenden Bindung und Beschäftigung. Dieses „Kränkeln" der heutigen Zivilisation, gemeinsam mit unseren erblichen Vorbelastungen (Miasmen nach dem Homöopathiegründer Hahnemann), ist die eigentliche Quelle vieler unserer Krankheiten. Hier liegen auch die Wurzeln der unbezahlbaren Kostenexplosion und des Versagens unseres Gesundheitswesens.
Ärztliche Behandlung und die Komplementärmedizin, welche dem Patienten Hilfe zur Unterstützung der eigenen Heilkräfte bietet und die Unterstützung seiner eigenen Heilkräfte anstrebt, ist auf die Zusammenarbeit Arzt/Patient angewiesen. Dem Patienten wird erstens eine Bereitschaft abverlangt, seine falsche Lebenseinstellung und seine falschen Lebensgewohnheiten aufzugeben, besonders sein passives Konsumenten-Verhalten. Gesundheit muss verdient und erarbeitet werden. Zweitens, muss er lernen, seine Fehler im Denken, Fühlen, Wünschen und Wollen zu erkennen, zu akzeptieren und loszulassen. Aerztlicherseits braucht es eine Erklärung der zur Verfügung stehenden Untersuchungs- und Heilmethoden sowie die Offenbarung ihrer reellen Grenzen. Dies soll dem Patienten die Möglichkeit bieten, auch ausserhalb der Sprechstunde die Wurzeln seiner Beschwerden zu suchen, um dann gemeinsam mit dem Arzt auf kürzestem Weg ein realistisches Therapieziel zu erreichen.

Unser Leben besteht aus Tun und Loslassen. Massgebend für das Erste ist der Verstand, für das Zweite die Zuversicht des Herzens: unsere Führung und unser Leben ist die Liebe und Weisheit Gottes. Mit dieser Zuversicht beginnt eine „innere Umkehr" und macht uns allmählich zur eigenen Innenschau fähig. Ihre Steigerung führt schliesslich zum Erlebnis der Einheit mit dem Schöpfer (=Erleuchtung, Wiedergeburt der Seele). So gewinnt der Mensch eigene Erfahrung der frohen Botschaft des Evangeliums Jesu und erfüllt die alte Aufforderung, geschrieben vor dreitausend Jahren auf dem Apollo-Tempel in Delphi (rechts): „Mensch, erkenne dich selbst und Du wirst Gott in dir erkennen".
Die Schöpfung und ich
Die primäre Aufgabe der medizinischen Forschung und Handlung sollte uns während unserem irdischen Verweilen eine würdige und optimale Lebensqualität verhelfen. Unvermeidlich bleibt trotz allen Bemühungen schlussendlich am Ende unseres weltlichen Daseins die Begegnung mit dem Tod. Eine aus der Sicht der Natur durchaus sinnvolle und für die „Schöpfung" notwendige Erscheinung.

Die Schöpfung steht in direkter Abhängigkeit mit der Vergänglichkeit, denn Schöpfung bedeutet Schaffung, Veränderung und Neubeginn. Ein Neubeginn ohne Ende wäre undenkbar! Dank dieser Tatsache wird die Schöpfung ewig andauern und das Leben sich fortwährend bewegen und von neuem entwickeln. Das wahre Leben kennt weder Schlummer noch Schlaf und ist ewiglich ein selbsttätiger Strom sich ausdehnender Vervollkommnung. Diese vollkommene Tätigkeit und Freude des Lebens ergibt sich von selbst aus dem Grundgesetz der Liebe. Auch mit dem Tod freunden wir uns an, denn er ist ein Notbehelf uns von einem Kleid zu befreien, das uns zur Vollendung des Lebens nicht mehr dienen kann. Wird der physische Körper derart unfähig, dass ihn die Persönlichkeit, die ihn bewohnt, im Streben nach Vollendung nicht mehr benutzen kann, so greift die Natur selbst ein und löst die Begrenzung auf.

Gram beim Tode eines geliebten Menschen ist in Wirklichkeit Empörung gegen die Auswirkung dieses Gesetzes, das geschaffen wurde, um neue und grosse Möglichkeiten des Ausruhens und Wachens zu gewähren. Nichts im Weltall läuft rückwärts, alles bewegt sich vorwärts zu immer grössere Vollkommenheit hin. „Der menschliche Anteil" unseres Wesens sollte wissen, dass niemand je unser Weltall verlassen kann und dass der Dahingegangene nur an einem besseren Orte als dem bisherigen sein muss.
Ist es wirkliche, wahre, göttliche Liebe die uns erfüllt und bindet, dann wird sie nie aufhören und muss uns früher oder später wieder zu dem Wesen hinziehen, das wir lieben. Daher kennt die wahre göttliche Liebe keine Trennung durch den Tod. Das was uns eine Trennung empfinden lässt, ist nicht Liebe. Das Gefühl der Trennung ist bloss eine der Täuschungen des persönlichen Selbst, in dem es noch verharrt, da es das Wesen des Bewusstseins nicht versteht.
Denken wir an einen geliebten Menschen, so sind wir mit unserem höheren Gedankenleib (Mentalkörper) wirklich bei ihm im gleichen Augenblick, da unser Bewusstsein bei dem anderen Menschen weilt. Könnte der Mensch diese Wahrheit verstehen, so würde er die Ketten sprengen, die solch Trauer verursachen. Solcher Gram erwächst nur aus der Tatsache, dass die Persönlichkeit, besonders in ihren Gefühlen, den Körper als das eigentliche Einzelwesen betrachtet, statt zu erkennen, dass der Körper nur ein Kleid ist, das der innere Mensch trägt. Dieses Kleid sollte jeder völlig und ständig beherrschen und zu stetem frohen Dienen bringen. Wer ein anderes Wesen wirklich liebt, möchte, dass es glücklich und in Frieden ist. Wählt nun dieses Wesen durch den sogenannten Tod eine bessere Gelegenheit für den künftigen Ausdruck, so sollten wir nicht wünschen, dieses Wesen in einem Zustand der Unvollkommenheit zurückzubehalten.
Die Unkenntnis dieser Wahrheit fesselt den Menschen in ihren selbstgeschaffenen Ketten der Begrenzung. Diese Art Unwissenheit bindet den Lebensausdruck des Menschengeschlechtes und schafft eine hartnäckige Weigerung, das Leben richtig zu verstehen. Sie zieht jedes Jahr Millionen Menschen in die Tiefen der Verzweiflung. Diese verkehrte Haltung zum Leben verhütet nicht nur die Erfüllung alles dessen, was allein lebenswert ist, sie raubt dem Wesen auch seine Fähigkeiten und stürzt es in die Bande der Selbstbemitleidung. Will das Einzelwesen seinen Sieg erringen und Meisterschaft erlangen, so muss es seine Vergänglichkeit bejahen ohne je zu wanken. Die Menschen haben durch ihr unrichtiges Denken und Handeln auf dieser Erde ein böses Hindernis geschaffen: Durch die Angst vor dem Tode hindern sie ihre hochstrebende wunderbare Wesen, dass sie Freiheit erringen und die volle Kraft der Göttlichkeit benutzen, die ihnen seit Beginn der Schöpfung als Gabe des VATERs an seine Kinder gehört.
Tränen und deren Bedeutung
Bei der Teilnahme am Gottesdienst zum Ewigkeitssonntag am 24. November 2019 von Pfrn. Sibylle Forrer in der ref. Kirche Kilchberg habe ich eine der schönsten Predigten erfahren dürfen. Sie hat mich zutiefst berührt und begleitet mich fortan auf meinem Weg als Arzt.
Wann haben Sie das letzte Mal geweint? Und was war der Anlass? Die Trauer um einen geliebten Menschen? Die Wut über ein erlittenes Unrecht? Die Freude über eine liebe Geste? Weinen ist nicht an eine bestimmte Emotion gebunden und kann Ausdruck ganz unterschiedlicher Gefühlsregungen sein; von abgrundtiefer Verzweiflung bis hin zum glücksbedingten Höhenflug. Weinen ist - wie das Lachen - eine archetypische Ausdrucksform des Menschen, die nur bedingt zu kontrollieren ist und sofort von allen Menschen verstanden wird. Auch wenn man nicht dieselbe Sprache spricht und einen ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergrund hat, wird weinen - und auch lachen - sofort verstanden. Es ist eine internationale Sprache. Das Weinen ist zudem das erste Kommunikationsmittel, das wir Menschen haben. Ein Säugling weint, um sich der Zuwendung zu versichern und seine Bedürfnisse anzuzeigen. Noch bevor der Mensch lacht, weint er.
Warum wir Menschen weinen, haben viele Forscherinnen und Forscher eingehend untersucht und doch ist man zu keinem eindeutigen Ergebnis gekommen. Weint der Mensch, weil er damit sein Umfeld auf seine Gefühlslage aufmerksam machen will und zur sozialen Interaktion auffordert; schau hin, ich weine, nimm mich bitte in den Arm. Oder weint der Mensch, weil er sich damit Erleichterung verschafft, Weinen als Schutzreaktion des Körpers und der Psyche; ich weine, um Spannungen abzubauen und emotionale Eindrücke besser verarbeiten zu können. Kleinkinder zeigen uns, dass wohl beides zutrifft: Der Mensch weint, um andere auf seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen und ebenso, um damit die Welt, das Leben und alle Eindrücke verarbeiten zu können.
Die physische Fähigkeit zu weinen, ist allen Menschen gemeinsam. Der Umgang mit dem Weinen jedoch sehr verschieden. Je nach kulturellem Kontext gelten andere Gepflogenheiten. Während in gewissen Kulturen das öffentliche Wehklagen gesellschaftlich verankert und teilweise auch ritualisiert ist, gilt in unseren Breitengraden das Weinen als Privatsache. Wer in der Öffentlichkeit weint, irritiert zu weilen. Roger Federers Tränen nach Sieg und Niederlagen an grossen Turnieren gaben zu allerlei Diskussionen Anlass, über ihn als Sportler, als Mensch, als Mann, ja selbst als Vater, indem ein Journalist in einem Artikel geschrieben hatte, welches Bild seine Kinder wohl von ihm hätten, wenn sie ihn weinend auf dem Tenniscourt sähen. Politiker ist es höchstens gestattet, bei ihrem nach Jahre harter Arbeit verdienten Rücktritt zu weinen, ansonsten gilt es schnell einmal als Zeichen der Schwäche. Bei Politikerinnen wird das Weinen nochmals anders bewertet, sie gelten dann als - typisch weiblich - übertrieben emotional, oder als manipulativ, aber wenn sie gar nicht weinen - wie zum Beispiel Angela Merkel - dann ist es irgendwie auch nicht recht und sie werden rasch als kaltherzig und emotionslos beschrieben. Den Geschlechtern wird ein unterschiedliches Mass an Weinen zugestanden und es wird auch unterschiedlich bewertet. Während Weinen lange als „unmännlich“ galt, weiss man heute, dass Menschen - völlig unabhängig von ihrem Geschlecht - unterschiedlich nahe am Wasser gebaut sind, wie der Volksmund zu sagen pflegt.
Es gibt Menschen, bei denen braucht es wenig und ihnen läuft das Wasser aus den Augen. Und es gibt andere, die auch im tiefsten Schmerz noch keine Träne vergiessen. Es ist deshalb noch lange nicht nur traurig, wer auch weint. Weinen ist nur EIN möglicher Ausdruck von Emotionen.
Sicher ist: Weinen bzw. das weinen können gehört zum Menschsein. Mehr noch: Das Weinen gehört zum Leben. Ein toter Mensch weint nicht mehr. Es ist etwas vom ersten, das nach dem Tod geschieht, dass die Tränenkanäle keine Flüssigkeit mehr produzieren. Weinen ist ein Zeichen des Lebens.
Die Bibel kennt viele tränenreiche Geschichten und berichtet von Menschen, die weinen. Abraham weint um seine Frau Sara, Jakob trauert um seinen Lieblingssohn Josef, den die Brüder verkauft haben und will sich nicht trösten lassen. David wird an seiner Trauer um seinen Sohn Absalom fast verrückt und findet den Weg zurück in ein geordnetes Leben nicht mehr. Die biblischen Geschichten wissen um den Einschnitt in das Leben, den die Trauer mit sich bringen kann. Alles fällt auseinander. Alles muss neu geordnet werden. Neu organisiert. Das ist schmerzhaft, anstrengend, zuweilen langwierig - und es gelingt nicht immer.
Auch Jesus weint. Der Evangelist Johannes beschreibt Jesu Reaktion auf den Tod seines Freundes Lazarus kurz und schnörkellos: „Jesus weinte.“ Jesus weint angesichts des toten Lazarus, obwohl er doch gerade noch von dessen Auferstehung gepredigt hatte. Das Vertrauen darauf, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, tröstete ihn nicht über den Verlust seines Freundes hinweg. Jesus „gingen“ - wie Luther übersetzte - vor Trauer „die Augen über“. Er liess seinen Emotionen, seiner Trauer, freien Lauf. Was Jesus erfahren hat, das erleben auch viele Trauernde: Da ist zwar das Vertrauen und die Hoffnung darauf, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, dass es der verstorbene Mensch jetzt „gut hat“ oder sogar „besser hat“ und Jesu Zusage gilt uns unbedingt, dass wir im Leben und im Tod bei Gott geborgen sind. Dieses Vertrauen ist tröstlich und schenkt Geborgenheit. Aber es vermag den Verlust nicht zu tilgen. Der Schmerz darüber, dass der geliebte Mensch nicht mehr am bzw. im Leben ist, bleibt und er macht traurig. Dieser Schmerz heilt meistens irgendwann, nadisnah, mit der Zeit. Wo zuerst eine klaffende Wunde ist, bleibt irgendwann eine leise pochende Narbe. Dieser Heilungsprozess ist individuell, manchmal tränenreich, manchmal stumm und jeder Mensch soll ihn in seiner Weise gehen können.
Auch Gott weint. Der Prophet Jeremia beschreibt, wie Gott darüber weinen muss, dass die Menschen so viel Unrecht anrichten. Es ist ein verzweifeltes Weinen, in dem Trauer und Wut, Verzweiflung und Zorn mitschwingen. Auch wenn dieses Bild eines rachsüchtigen Gottes in verschiedener Hinsicht schwierig ist, so hat es doch auch etwas sehr Tröstliches: Gott wird hier als Gott beschrieben, der das Unrecht dieser Welt nicht hinnimmt. Gott, der leidenschaftlich für das Wohl der Menschen und der Welt kämpft. Gott, der mitfühlt, mitleidet, mittrauert. Gott, der weint. Der Glaube an Gott, der über das Elend und das Unrecht dieser Welt weint, ist für mich oft ein tröstlicher Gedanke, wenn mich der Schmerz der Welt angesichts all der schrecklichen Nachrichten zu überrollen droht.
Und angesichts des vielen Unrechts in unserer Welt, angesichts all der Toten, die noch lange keine hätten sein dürfen, all den Tränen, die vergossen werden, wünscht man sich zuweilen eine neue Welt.
„Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen.“ Diese Vision steht am Ende der biblischen Schriften. Es ist ihr tröstliches Ende. Die konkrete Beschreibung dieser neuen Welt mit der königlichen Stadt Jerusalem ist uns wohl eher fremd und hat ihren Sitz im damaligen kulturellen Kontext. Die Worte, die auf diese Beschreibung folgen, die kommen uns aber ganz nah. Es heisst dort: Gott werde bei den Menschen wohnen „und Gott werde jede Träne von ihren Augen abwischen. Der Tod werde nicht mehr sein. Auch Trauer, Wehgeschrei und Schinderei werden nicht mehr sein“.
Gott wird jede Träne abwischen. Es gibt meines Erachtens kaum einen Text in der Bibel, der ein innigeres Verhältnis von Gott zu den Menschen beschreibt. Jemandem die Tränen abwischen, ist eine Geste innigster Vertrautheit. So nahe lassen wir kaum jemanden an uns heran. Eltern wischen ihren Kindern die Tränen aus den Augen. Vielleicht Liebende einander. „Und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen.“ Gott tröstet. Unendlich innig. Jede einzelne Träne, die grossen und die kleinen, die herausgeschluchzten und die stummen, die strömenden und die versiegten, alle werden sie von Gott abgewischt, alle von Gott gesehen.
„Beyond the door there’s peace I’m sure / and I know there’ll be no more / tears in heaven“, diese Textzeile aus dem weltbekannten Lied von Eric Clapton ist wohl vielen von Ihnen bekannt. Clapton hat es geschrieben, um den Tod seines erst vierjährigen Sohnes, der bei einem Unfall starb, zu verarbeiten. Das Lied bringt die tröstliche Hoffnung zum Ausdruck, die wir alle gerne in Bezug auf den Tod in Worte fassen: Der Tod bringt den Frieden, er bringt das Ende des Leidens. Das Lied bringt dieselbe Hoffnung zum Ausdruck wie der Text aus der Offenbarung: Das Sein bei Gott - heaven, wie Clapton singt - ist, was uns alle erwartet.
Im Unterschied zu Clapton sagt der Text aus der Offenbarung aber, dass es dort Tränen, geben wird. Beide - die Vision aus der Offenbarung und die Textzeilen von Clapton - beschreiben den Frieden, einen Zustand ohne Leiden, ohne Trauer, ohne Schmerz. Aber in der Offenbarung sind da noch Tränen. Das sind Tears in Heaven. Da sind noch Tränen, weil diese Tränen auch das sind, was uns ausmacht. Weil sich in ihnen die Geschichte unseres Lebens spiegeln. Und weil wir durch unseren Tod nicht verloren sind. Weil unsere Lebensgeschichte bleibt. Unser Weinen und unser Lachen hallt nach. Wir sind mit unserer ganzen Lebensgeschichte aufgehoben bei Gott. Das ist die Zusage, die in der Vision aus der Offenbarung anklingt. Keine unserer Tränen bleibt ungesehen, keine geht verloren. Und Gott wird abwischen jede Träne von unseren Augen.
Als Kind bekam ich von meiner Mutter ein Taschentuch geschenkt. Ein Stofftaschentuch, das als Aufdruck ein Mädchen auf einer Wiese hat und mit einem roten Saum verziert ist. Sie gab es mir, als ich einmal bitterlich weinte, den Grund weiss ich nicht mehr. Ich trug das Taschentuch fortan oft bei mir. In der Hosentasche, im Thek, später sogar noch in der Handtasche und heute in der Tasche in meinem Talar. Das Taschentuch war mir - ganz unbewusst - Symbol dafür geworden, dass - wenn immer ich Trost brauche - jemand da ist, der meine Tränen sieht und sie abwischt.
Liebe Gemeinde
Wir alle brauchen Menschen, die für uns da sind, wenn wir weinen - seien es Tränen der Trauer oder Tränen der Freude. Das Vertrauen darauf, dass wir mit unseren Gefühlen nicht allein gelassen werden, trägt uns durch das Leben. Dieses Vertrauen ist für uns lebensnotwendig und deshalb versichern wir uns dessen auch schon mit dem ersten Schrei bei unserer Geburt. Seien wir uns deshalb gegenseitig verlässliche Begleiterinnen und Begleiter. Beobachten wir aufmerksam und feinfühlig, und scheuen wir uns nicht, Emotionen zu zeigen. Sie sind es, die uns zu Menschen machen und in denen wir einander erkennen, über alle Kommunikationsgrenzen hinweg. Reichen wir einander Taschentücher an Hochzeiten und Beerdigungen und wischen wir dann, wenn es angebracht ist, einander die Tränen ab.
„Und Gott wird jede Träne von ihren Augen abwischen.“ There are Tears in Heaven. Weil wir bei Gott aufgehoben sind als ganzer Mensch. Mit unserer ganz eigenen Geschichte. Im Leben und im Tod.
Amen
Pfrn. Sibylle Forrer